Nordirland

What a bloody day !“ oder: Nordirland für Anfänger

Man kann sagen was man will, aber es gibt Flecken auf unserer Erde dort ist der Regen feuchter, das Gras grüner und das Blut röter als anderswo, besonders wenn letzteres das eigene ist.

Von Schottland kommend hatte ich nach Nordirland übergesetzt, die Glens of Antrim erkundet, auf den Klippen am Giants Causeway gezeltet und in Bushmills vom Whiskey der Welt ältesten Distillery gekostet. Nun trieb mich die Neugier an einen der politisch unruhigsten Orte der Insel.

Derry oder Londonderry, wie es die Engländer titulieren, könnte mit seinen 90.000 Einwohnern, seiner idyllischen Lage und historischen Attraktionen ein touristisches Highlight und Ausgangspunkt für interessante Abstecher in die nähere Umgebung sein. Wohlgemerkt könnte! Leider sorgte der Ort in der Vergangenheit weniger für positive Schlagzeilen, so daß viele Besucher diese Gegend meiden.

Doch ich interessierte mich schon eine geraume Weile für den zeitweise vergessenen Konflikt am Rande Europas und wollte nun das Gelesene an der Realität messen.

Immer entlang der Stadtmauer, die vollständig wie eine Festung den protestantischen Kern der Stadt umschließt und schon 1689 erfolgreich einer Belagerung durch die Katholiken getrotzt hatte, folgte ich der abschüssigen Straße, die auf eines der mächtigen Stadttore zuläuft.

Plötzlich, wie ein böser Spuk, biegt eine schwerbewaffnete Patrouille aus einer Seitenstraße heraus um die Ecke. Ein halbes Dutzend Soldaten in Camouflageuniformen, mit Baretten, einem Funkgerät und den Maschinenpistolen im Anschlag verteilen sich auf der Magazin Street und sicheren das Terrain, als würde hinter jedem Fenster ein Heckenschütze der Provisorischen IRA lauern, jederzeit bereit den Finger zu einer tödlichen Geschoßgarbe zu krümmen. Die Versuchung war verdammt groß, spontan die Kamera hochzunehmen und einige Schnappschüsse von der Szenerie einzufangen. Doch ich war gewarnt durch meinen Aufenthalt in Belfast zwei Jahre vorher. Ich hatte den Bericht eines anderen Touristen noch im Ohr, der der Versuchung nicht widerstehen konnte zu fotografieren, unversehens in die Mündung eines Sturmgewehres blickte und obendrein auch noch seinen Film einbüßte.

Eine Szenerie, wie man sie wohl eher in einem Film aus der Zeit des Vietnamkrieges erwarten würde. Spätestens jetzt müßte auch dem ahnungslosesten Besucher klar werden, daß die friedliche, grüne Insel auch eine andere Seite hat.

Ein kurzer, taxierender Blick des blutjungen Gefreiten vom 5. Bataillon des UDR und ich war als >ungefährlich< enttarnt. Rasch schwärmte die Gruppe auf beide Seiten der Straße aus, beobachtete aufmerksam die benachbarten Häuserfronten und setzte sich in die gleiche Richtung wie ich in Bewegung, gefolgt von einer johlenden Horde Halbwüchsiger, die auf dem Fußweg der Mauerkrone den Soldaten nachrannten. Diese hatten das scheinbar schon öfter erlebt, grinsten nur unter den Baretten hervor und drohten der Meute über ihnen scherzhaft mit dem Zeigefinger.

Schon in Sichtweite des Stadttores waren von Jugendlichen ein paar Mülltonnen in Brand gesteckt worden, deren beißender Qualm sich über die ganze Straße verteilte. Dieser Nebel schluckte die Soldaten und als auch ich hindurch war, schienen sie so plötzlich verschwunden, wie sie aufgetaucht waren.

Unmittelbar vor dem Stadttor, noch innerhalb der Mauern des protestantischen Bollwerks, hatten die unterschiedlichsten Händler ihre Stände aufgeschlagen. Unter dem Sammelsurium an Kleidungsstücken, Teppichen, Bildern, Schmuck und all den nützlichen und weniger brauchbaren Dingen läßt es sich einer der Händler nicht nehmen, Fahnen der Irischen Republik zu verkaufen. Diese verhältnismäßig harmlose Provokation gehört hier zum Alltag und ist dennoch Teil der ewigen Nadelstiche, die die geschlagenen Wunden zwischen den Konfessionen nur schwer vernarben lassen.

Der Tag war noch jung, und ich dachte daran, mit dem Fahrrad eine „Spritztour“ über die Grenze zur Republik zu unternehmen.

Oakgrove Manor titelt der Name der geräumigen Herberge, in der ich für eine Nacht mein Hauptquartier bezog. Ein dunkelhaariger Typ, ausgestattet mit belfaster Akzent und dem prächtigsten Paar Segelohren, daß ich je auf dieser Insel erblickt hatte, nahm sich meines Gepäckes an und schloß es über den Tag in einem eigens für diesen Zweck reservierten Raum im Untergeschoß ein. Nun brauchte ich nur noch einen Drahtesel und die Tour konnte beginnen. Der dem Hostel angeschlossene Fahrradverleih entlieh gegen Gebühr und die stattliche Kaution von £ 30 ein Fahrgestell passender Größe nebst Flickzeug.

Talwärts, unterhalb der protestantischen Mauern, findet man sich unversehens im Bogside wieder, dem monotonen Wohngebiet des katholischen Arbeiterviertels. Eingeklemmt zwischen zumeist verwaschenen Fassaden und quadratischen Fenstern zwängen sich kleine Rasenstücke, hier und da ein paar verlorene Bäume. Auf den ersten Blick erscheint es wie ein anderes Land; anstelle der gepflegten Stadthäuser nur triste Wohnblöcke, statt des Union Jacks flattern Fahnen im Grün-Weiß-Orange der Republik. Kämpferische Malereien und riesige Poster künden von den Giebeln der Häuser vom ungebrochenen Kampfeswillen der Bewohner. Dafür ist nicht zuletzt ein Vorfall verantwortlich, der als „Blutsonntag“ in die Geschichte einging, als am 30.Januar 1972 britische Eliteeinheiten das Feuer auf eine demonstrierende Menschenmenge der Bürgerrechtsbewegung eröffneten und 14 Personen töteten.

Vorbei an Schulen, Industriegebieten und einem Rugbyfeld strampelte ich weiter in den Norden der Stadt, wobei ich an einigen Roundabouts lieber dem Fußweg vertraute, als mich mit den zügigen Blechkarossen anzulegen, die wie ein aufgescheuchter Hummelschwarm um mich herumbrummten.

Endlich auf der A 2 angelangt, die mit ihrem Verkehrsaufkommen unseren Bundesstraßen vergleichbar ist, hatte ich nur das Bestreben Derry hinter mir zu lassen und schnell über die Grenze zu gelangen. Die Häuser wurden seltener, vereinzelte Gehöfte, mehr Wiesen und auch mal ein paar vereinzelte Baumgruppen zwischen denen ein paar Rinder gelangweilt wiederkäuten. Bevor der vor mir auftauchende Wachturm wieder hinter einer Bodenwelle verschwand, konnte ich schon einen ersten Blick auf den Grenzpunkt werfen. Wie ich es erwartet hatte, war im Umfeld wieder ausreichend Stacheldraht angehäuft, um einen Hochsicherheitstrakt ausrüsten zu können. Über in den Asphalt eingelassene, ausklappbare Dornen, die bei Bedarf Autoreifen in Gummibänder zerlegen würden und an einem Schlagbaum vorbei winkte mich ein martialisch bewaffneter Soldat durch. Erleichtert atmete ich auf, als ich die Kontrolle hinter mir gelassen und nach einigen hundert Metern das Territorium der Republik Irland erreicht hatte.

Schon seit einigen Meilen konnte ich vor mir, auf dem größten Hügel in der Umgebung thronend, den Grainan of Aileach ausmachen. Übersetzt mag das wohl soviel wie Sonnentempel heißen. Exponiert wie eine Warze auf dem Hintern lagert das ringförmige Gebilde auf dem Greenan Mountain und versprach einen guten Ausblick, wenn ich es erst einmal erreicht haben würde. Die Iren können es einfach nicht lassen, ein paar Hügelketten als Berge auszugeben. Mehr als die Hälfte des Höhenzuges umrundet, erschien mir bis jetzt jeder Anstieg zum Gipfel zu steil, da zwar einige schaltbare Gänge im Mietpreis inbegriffen waren, aber im Urlaub wollte ich mich doch nicht übertrieben strapazieren. Was für ein netter Vorsatz; wäre ich an dieser Stelle mal lieber umgekehrt!

Lisfannan, Speenoge, Moness und Bohullion, Ortschaften und Gehöfte die lautmalerisch in den Ohren klingen, deren Bedeutung mir aber verschlossen bleibt. Nach Burrow nahm ich die letzte Gelegenheit wahr, wenn ich mein Ziel überhaupt noch erreichen wollte und bog links ab. Meine Faulheit den steilen Anstieg zu meiden, rächte sich jetzt bitter, da ich nun einige Meilen mehr mit stetigem Höhenzuwachs zu absolvieren hatte. Kurz vor dem Objekt meines Begehrens verließ mich dann alle Luft aus meinen gebeutelten Lungen, so daß ich endlich schiebend vor dem steinernen Zeugnis der Vergangenheit anlangte.

Das war er also der Grainan of Aileach, sagenumwobenes Relikt aus längst vergangener Zeit, das den Ruf genießt Irlands ältestes Bauwerk zu sein. Über sein Alter weiß man zwar nur soviel, daß es bereits erbaut war, als die Römer im benachbarten Schottland (das damals noch nicht einmal diesen Namen führte) ihr Unwesen trieben. Im Gegensatz zu deren baulichen Hinterlassenschaften hatte dieses Heiligtum die Jahrtausende beinahe unbeschadet überstanden, obwohl oder gerade weil es ohne einen Krümel Mörtel errichtet wurde. An die fünf Meter hoch, sorgfältig geschichtet und ungefähr 40 Meter im Durchmesser, mit Gängen, Zellen und Treppen innerhalb der mächtigen Mauern, genießt man vom Wall einen weiten Rundblick auf das umliegende Land. Über Felder und sattgrüne Weiden, parzelliert durch niedrige Steinwälle und gelbblühendem Stechginster, gleitet der Blick zurück zum geschäftigen Derry am Fluß Foyle der nach einem halben Dutzend Meilen sein Wasser an den Lough Foyle abgibt. Auf der anderen Seite glitzert die Sonne verlockend im Lough Swilly und zieht den Blick weiter auf die dunstigen Höhenzüge der Knockhalla Mountains.

Beinahe hätte ich es übersehen, das mächtige Hinterteil das sich rückwärts mit den Füßen scharrend aus einer der engen und für solche Proportionen keinesfalls ausgelegten Öffnung in der Mauer zwängte. Der ausladende Hut der zurückgelassen im Gras lag, kam mir ebenfalls reichlich bekannt vor und nun konnte ich mir ein Lachen nicht verkneifen, weil ich ahnte wer sich da versuchte aus der steinernen Umklammerung zu befreien, ohne diese zum Einsturz zu bringen. Es waren die beiden skurrilen, mainzer Studenten, die mal abgesehen von ihrem wirklich erfrischenden Humor so gar nichts gemeinsam hatten. Vor wenigen Tagen waren sie mir das erste Mal an der Antrimküste über den Weg gelaufen und nun wollte es der Zufall, daß wir uns hier wiedertrafen. Vielleicht ist die Insel doch kleiner als ich dachte, oder unser Fahrplan weißt die selben Stationen auf. Da mir entgegen meiner Erwartung hier im Norden der Insel noch nicht übermäßig viele Landsleute begegnet waren, begrüßten wir uns herzlich. Im Gegensatz zu mir hatten sie das Innere der mächtigen Mauern bereits ausgiebig erkundet. Ich beschränkte mich darauf, mich einige Meter im Schein einer kleinen Taschenlampe ins Dunkle vorzutasten. Entweder sind frühere Generationen noch wesentlich kleiner gewesen als ich annahm oder die Gänge sind wirklich nur für äußerst unkomfortables Kriechen ausgelegt. Zu feucht, zu eng und zu dunkel, außerdem wird wohl außer einem Haufen Hundekot nichts zu finden sein, ging es mir durch den Kopf, und so kroch ich wieder zurück.

Um die Anlage in aller Ruhe allein noch etwas genießen zu können, wartete ich bis die beiden „Mainzelmännchen“ wieder verschwunden waren. Die Wälle zum wiederholten Male abschreitend, erschien es mir gut vorstellbar, daß genau hier der irische Sagenheld Chuchulainn mit seinem Herrn Conchobar dem König von Ulster Kriegsrat hielt, wie sie sich die streitlustige Königin Maeve von Connacht vom Halse halten könnten. Oder was mag sie sonst bewogen haben, diese mächtigen Mauern zu errichten?

Plötzliche Windböen und ein peitschend kalter Regen unterbrachen meine herumvagabundierenden Gedanken und zwang mich unter dem Eingangsportal Schutz zu suchen. Nach einer Viertelstunde war alles vergessen und die Sonne schenkte mir wieder ihr strahlendes Lächeln. An einem Ort mit dem Namen „Sonnentempel“ ist anderes auch nur schwer vorstellbar. Da ich mein unverhofftes Glück nicht zu sehr beanspruchen wollte, räumte ich zügig das Feld und sattelte wieder meinen Drahtesel.

Nichts einzuwenden gegen etwas sportliche Betätigung, aber abwärts ist es einfach angenehmer und so bot sich mehr Gelegenheit die Gegend etwas in Augenschein zu nehmen. Kaum war ich eine Meile gerollt, erregte ein verfallendes Gebäude meine Aufmerksamkeit, das so aussah als sei es Edgar Allan Poes „Der Untergang des Hauses Usher“ entsprungen. Hätte ich zu diesem Zeitpunkt beschlossen, es damit bewenden zu lassen, wäre mir einiges erspart geblieben. Aber nein, da mein zweiter Vorname „Neugier“ lautet, mußte ich absteigen und meine Nase über den Zaun stecken. Sah alles irgendwie ganz interessant aus! Kurzerhand schwang ich ein Bein voller Elan über den Stacheldraht und schickte mich gerade an, das andere Bein nachzuholen, als der Stein unter meinem linken Fuß langsam aber unaufhaltsam zu rutschen begann…

Es eröffneten sich mir zwei Möglichkeiten dem drohenden Fiasko zu begegnen; besonders angenehm war keine von beiden: Erstere riet mir, gefaßt dem Sturz entgegenzublicken und zu hoffen, daß die stählernen Dornen zwischen meinen Beinen nicht zuviel Schaden anrichten würden. Die zweite, ebenso unerfreuliche Alternative sah vor, den bevorstehenden Fall mit einem beherzten Griff in den Stacheldraht abzufangen. Im Sekundenbruchteil entschied ich mich für letztere Variante.

Überraschenderweise spürte ich keinerlei Schmerz, als ich mich auf dem Draht abstützte und meine Hand „verankerte“. Schnell schwang ich das vorwitzige Bein zurück über den Zaun, womit meine Schwierigkeiten allerdings noch lange nicht beendet waren. Zwei der heimtückischen Widerhaken hatten sich gut einen halben Zoll tief in meinem Handballen häuslich eingerichtet und schienen nicht von dem Verlangen getrieben, jemals wieder von mir lassen zu wollen. Jedes noch so vorsichtige Drehen und Ziehen der Hand wurde von einem stechenden Schmerz honoriert, so daß ich mir wohl etwas anderes einfallen lassen mußte. Ich konnte schlecht hier warten und darauf vertrauen, daß jemand vorbeikommt und mich aus meiner mißlichen Lage befreit. Also nahm ich all meinen Mut zusammen, hielt den Atem an und riß meine Hand aus dem Stacheldraht. Ein kurzer, intensiver Schmerz schoß mir durch den ganzen Arm; dann war es vorbei. Ein Fetzen meiner Haut zitterte aufgespießt wie eine Trophäe am Draht und hinterließ ein beachtliches Loch mit ausgefransten Rändern.

Noch bevor ich mich weiteren Betrachtungen über den entstandenen Schaden hingeben konnte, sprudelte mein seltenes AB- negativ über den Handteller, plätscherte wie ein kleiner Quellbach auf den Boden der Republik. Ich wünschte, ich hätte mein Blut für hehrere Zwecke vergossen!

Ich begann mir gerade ernsthaft Sorgen zu machen, als es mit einem Mal so plötzlich versiegte, wie es angefangen hatte. Eigentlich hätte ich erwartet, ein größeres Fassungsvermögen des roten Saftes zu besitzen, aber ich hatte wohl doch kein arterielles Gefäß verletzt. Einhändig kramte ich nach einem Taschentuch, um die Wunde provisorisch abzudecken. Zu meiner Freude war das Tuch unbenutzt und so schlang ich es mir ums Gelenk und brachte sogar einen Knoten zuwege, der allerdings ob seiner Unförmigkeit wohl kaum einen Schönheitspreis gewinnen würde. Jetzt konnte ich meinem Erscheinungsbild wieder etwas Aufmerksamkeit widmen. Blutflecken vom Hemd bis zu den Schuhen müssen für einen Außenstehenden sicher so gewirkt haben, als sei ich einziger Überlebender eines Kettensägenmassakers, ungelernter Teilzeitschlachter oder Schlimmeres.

Mit einer lädierten Hand ein Fahrrad zu besteigen, kann durchaus ein abenteuerliches Unterfangen sein. Schließlich hatte ich es doch geschafft und hoffte möglichst bald eine Möglichkeit zu finden, meine Hand versorgen zu lassen. Nach einigen Minuten klingelte ich an einem kleinen Haus, das unmittelbar an den Weg gebaut war und auch schon bessere Zeiten gesehen hatte. Leider schien keiner daheim zu sein und so kletterte ich wieder aufs Rad. Etwas später startete ich einen zweiten Versuch.

In der Zufahrt zu einer Doppelhaushälte stand ein alter, aufgebockter Escort unter dem ein Paar Beine herausragten. Froh über die Aussicht auf baldige Hilfe stellte ich mein Rad an die Wand und wollte mein Anliegen gerade dem Beinpaar mitteilen, als ich mich einer fast hüfthohen Promenadenmischung gegenübersah. Die war offenbar der Meinung, ich hätte noch mehr von dem zu bieten, was anscheinend für einen Köter wohlriechend über meinem Äußeren verteilt war. Da ich für meine Begriffe heute schon genug gespendet hatte, war ich nicht gewillt noch mehr her zu geben, wickelte mir schnell meine Jacke um den linken Arm und bezog Verteidigungsposition. Noch bevor im Zweikampf zwischen mir und der „Bestie“ geklärt werden konnte, wem denn nun mein Blut gehöre, ertönte ein schriller Pfiff und der Hund wurde zurückgerufen. Das Beinpaar hatte sich unter der Blechkarosse hervorgearbeitet und legte zu meiner Erleichterung den knurrenden Vierbeiner an die Leine. Das Beinpaar steckte in einem schwarzen Overall, dessen ursprüngliche Farbe einmal blau gewesen sein mußte und wendete mir nun freundlich sein ölverschmiertes Gesicht zu. Als er meine blutige Hand sah, verzichtete er darauf sie mir zu schütteln und noch bevor ich so richtig in Fahrt kam, ihm mein Geschick zu berichten, winkte er ab und bat mich ins Haus.

In der Diele spielten zwei Halbwüchsige oder besser brüllten sich an und versuchten einander das Spielzeug zu entreißen. Ich folgte dem Overall in die Küche, in der in einem Laufgitter ein weiteres Kind versuchte auf wackligen Beinen zu stehen und sogleich schreiend unsere Aufmerksamkeit auf sich zu lenken trachtete. In dem ganzen Tohuwabohu hatte ich zuerst die Frau übersehen, die an der Spüle stand und mit dem Abwasch beschäftigt war. Als sie die Tür ins Schloß fallen hörte, wendete sie sich genervt um und wollte gerade zu einer Schimpftirade ansetzen, als sie meiner ansichtig wurde. Ohne daß es großer Erklärungen bedurfte, nahm sie meine Hand, entfernte vorsichtig den blutgetränkten Lappen der in seinem früheren Leben ein Taschentuch gewesen ist und ließ mich die Wunde auswaschen. Sie drehte sich um und ging oder besser hinkte aus der Küche, da sie mit einem Hüftschaden geschlagen war, der ihr den schwankenden Gang eines Seemanns verlieh. Nun wagte ich einen zaghaften Blick in den Spiegel über der Spüle und fand meine Befürchtung bestätigt, daß ich mir wohl unbewußt ins Gesicht gefaßt haben mußte. Eine rote Spur führte vom Kinn bis zum linken Auge und verlieh mir einen gefährlichen Ausdruck. Mit etwas Wasser konnte ich wieder ein halbwegs zivilisiertes Aussehen herstellen. Finola trocknete mir die Hand ab und verpaßte mir ein Pflaster, das fast den ganzen Handballen abdeckte. Jetzt fühlte ich mich schon wesentlich besser und Sean lud mich noch auf eine Tasse Kaffee ein. Ich nahm dankend an, obwohl dieser Instant – Mix ein wirklich furchtbares Gebräu abgibt. Tee und Whiskey, da bleibt einfach kein Platz für wirklichen Kaffeegenuß.

Ich konnte ganz gut noch eine Weile dem Versuch widerstehen, von dem braunen Sud zu kosten der außerdem noch viel zu heiß war und so nutzte ich die Gelegenheit, meine Neugier zu befriedigen. Während mein Kaffeelöffel in der Tasse seine Bahnen zog, fragte ich das Paar ganz direkt, was es wohl vom Waffenstillstand auf der anderen Seite der Grenze hielte. Dererlei Erkundigungen könnten einige Meilen weiter schon recht unangenehme Reaktionen hervorrufen, zumal man nie ganz sicher sein kann, wem man gegenüber sitzt und welche politischen Ansichten und Sympathien unter dem religiösen Deckmäntelchen verborgen sind. Finolasetzte sich zu mir an den Tisch, schaute aus dem Fenster und sagte: „There should be real peace, immediately. To many victims and people who still suffering of there wounds. Others did lost a relative in a bomb attack or an ambush. We’re all so tired to hear from the killings.“ Sie drehte den Kopf, blickte mir in die Augen und verzog schmerzlich den Mund: „Every night I pray for peace.“ Ich nippte am Kaffee und schaute fragend zu Sean. Der zuckte nur hilflos mit den Achseln, drehte sich um und ging nach draußen.

Fast fing ich an, mich unwohl zu fühlen, was weder an meiner Hand noch an dem braunen Gebräu lag, an das ich mich gerade zu gewöhnen begann. Es hatte eher mit dem Gefühl zu tun, ungebeten in einer alten Wunde gebohrt zu haben. So trank ich hastig aus, stand auf und bedankte mich bei Finolafür die Gastfreundschaft.

Sobald ich die Küchentür hinter mir geschlossen hatte, stand ich auch schon wieder mitten im Schauplatz der nächsten Tragödie. Der Kampf ums Spielzeug war entschieden; es lag zerstückelt in der Diele verstreut, während die netten Knaben aneinander versuchten, ob sie nicht zäher wären als das im Test durchgefallene Spielobjekt. Vorsichtig stieg ich über das „Schlachtfeld“, bemüht weder den entstandenen Schaden zu vergrößern, noch auf irgendwelche sich windende Gliedmaßen zu treten, von denen nicht sicher zu erkennen war, zu welchem Körper sie eigentlich gehörten.

Im Hof war Sean bereits wieder unter dem Blech verschwunden, die „Bestie“, noch immer an der Leine, blinzelte in die Sonne des Spätnachmittags und würdigte mich keinen Blickes. Also stieg ich aufs Rad, rief einen letzten Gruß über die Schulter und setzte mich wieder in Bewegung. Bis 18Uhr mußte ich zurück in Derry sein, sonst hätte ich für einen weiteren Tag Leihgebüren zu entrichten. Nach einem zusätzlichen Ausflug stand mir nicht der Sinn, da ich mit meiner vorhandenen Blessur schon genug geschlagen war.

Über eine kleine Brücke, von da an ging es kontinuierlich bergab und schon hatte ich wieder einige Meilen und bald auch die Grenze wieder hinter mir. Eiche um Eiche raste an mir vorüber, die knorrig an den schmalen, asphaltierten Straßen stehen und deren Existenz Derry seinen Namen verdankt. Einer der grünen Riesen hatte mir einen fingerstarken Ast in den Weg gelegt, der sich boshafter Weise zwischen die groben Stollen meines Vorderrades klemmte. Wohl konnte ich sehen und ahnen, was gleich darauf passieren würde, aber Zeit zu reagieren blieb mir nicht. Der Stock fuhr eine halbe Runde Karussell, blockierte an der Gabel schlagartig das Vorderrad und verschaffte mir eine ungewollte Flugphase.

Noch während ich in einem weiten Bogen der Erde entgegenschwebte, entfuhr es mir: „Das kann doch wohl nicht wahr sein!“ Hatte ich (für was auch immer) nicht schon genug gebüßt? Anscheinend nicht. Es blieb gerade noch Zeit, die Landeklappen auszufahren, da schlug ich auch schon mit allen Vieren auf. Im Ergebnis blutete nun auch noch meine Linke und bei jedem Schritt knackte eins meiner Knie verdächtig. Soviel zur körperlichen Versehrtheit.

Die Bestandsaufnahme am Rad fiel wesentlich verheerender aus. Der Ast hatte nicht nur das Kunststoffschutzblech zerschlagen, sondern auch noch dessen Überreste in den Reifen getrieben. Ich sah meine Kaution schon auf Nimmerwiedersehen entschwinden. Zum Überfluß waren es auch noch gute sechs Meilen zurück in die Stadt. Wie ich das mit dem Schrotthaufen schaffen sollte, war mir ein Rätsel.

Clever wie ich war, hatte ich mir extra Flickzeug mitgeben lassen, dummerweise es aber versäumt mir auch das dazugehörige Werkzeug aushändigen zu lassen. Kaum war der große Splitter aus dem Reifen entfernt, kündete ein deutlich vernehmbares Zischen von der entweichenden Luft. Mein Versuch, beim Pförtner eines Landsitzes etwas Werkzeug auszuleihen, endete erfolglos, da niemand öffnete. Es blieb mir nur, die Überreste des Schutzbleches so hinzubiegen, daß sie das Fahren nicht übermäßig behinderten und möglichst viel Luft in den undichten Schlauch zu pumpen.

Ich schwang mich in den Sattel und trat wie ein Derwisch in die Pedalen, um möglichst viele Yards hinter mich zu bringen, bevor sich die Luft aus dem Reifen verflüchtigt haben würde. Eine knappe halbe Meile, dann begann das Spiel von vorn: Pumpen, Treten und auf der Felge fahren. Die ganze Aktion könnte durchaus als schweißtreibender Bestandteil eines Fitneßprogrammes für ganz Abgefahrene durchgehen. Leider fehlte mir in diesem Moment jeglicher Sinn für Körperertüchtigung. Alles was ich wollte, war möglichst schnell zurück nach Derry zu kommen und das Rad loszuwerden. Leider lagen zwischen mir und der Stadt noch jede Menge dieser schweißtreibenden Prozeduren, bis ich es vielleicht nach dem 10. Mal entnervt aufgab.

Je näher ich meinem Ziel kam, um so dichter wurde der Verkehr und ich zog es vor, mein gebrechliches Vehikel zu schieben.

Klinkerfassaden, weiß getünchte Giebel mit aufdringlicher Werbung, kleine Läden neben mehrgeschossigen Wohnhäusern und jede Menge neonbeleuchteter Fastfoodlokale begrüßen den Durchreisenden, der sich von Süden der Stadt nähert. Gleich an der Bishop Street hatten die Väter der Stadt einen kleinen Hügel aufschütten lassen und darauf ein Denkmal zur Verständigung zwischen den Konfessionen errichtet: Über einen tiefen Graben hinweg reichen sich zwei Bronzefiguren die Hände zur Versöhnung. Wenn man allerdings genauer hinschaut, ist zu erkennen, daß sich ihre Hände nicht berühren. Vielleicht sogar unbeabsichtigt, ist diese Allegorie um so zutreffender: Der vergebliche Versuch den anderen zu erreichen, weil man sich selbst keinen Inch bewegen kann oder will. Wie zur Bestätigung stand ich kurz darauf vor der Fassade eines allem Anschein nach zu Versammlungszwecken dienenden Gebäudes. An der Shankill Road in Belfast waren mir solche, mit radikalen Parolen verzierte Wände zur Genüge begegnet. Auch hier waren Bordsteine und Zäune in den Farben des Union Jacks gehalten, aufgemalte Wappen und Symbole paramilitärischer Organisationen, die für den Tod zahlreicher Katholiken verantwortlich sind, künden an den Stellen, wo normalerweise Fenster sitzen, von der fanatischen Einstellung der „Künstler“. Manche Veränderungen gehen eben unendlich langsam voran und sind eher von Rückschlägen als von Erfolgen geprägt.

Kurz vor Toresschluß des Fahrradverleihs war ich zurück, pumpte um die Ecke ein letztes Mal den unersättlichen Reifen auf, bog die Überreste des Schutzbleches zurecht und händigte es wieder dem Verleiher aus. Er musterte es kaum, schob es in einen Nachbarraum und erstattete mir die £ 30 zurück. Ich dankte und hoffte inständig, daß ich nicht bis auf die Haarwurzeln errötet war. Kaum wieder draußen atmete ich auf, doch ein älterer Mann mit Stock schaute etwas irritiert, als er meines diabolischen Grinsens ansichtig wurde, das sich auf meinem Gesicht ausbreitete.

In der Herberge übergab mir nun ein sommersproßiges Mädchen mein Gepäck und überreichte mir den Schlüssel fürs Zimmer. Es war eher ein Schlafsaal mit 14 Betten, von denen zum Glück nur eines bereits belegt war. Sonst würde erfahrungsgemäß die Schnarcherei nicht zu ertragen sein.

Ich suchte mir ein Bett und ließ mich hineinfallen. Nun spürte ich erst einmal, wie zerschlagen sich meine Knochen anfühlten. Als ich über den Tag nachdachte, mußte ich unwillkürlich laut auflachen. Das weckte meinen Zimmergenossen, der sich als Schwede zu erkennen gab. Kurz vorher angekommen, hatte er sich ein kleines Nachmittagsschläfchen gegönnt. Ich hingegen war ziemlich durchgeschwitzt und ging unter die Dusche. Als ich erfrischt und gutgelaunt wieder ins Zimmer trat, trällerte ich in Anlehnung an einen Song von U 2 „Friday, bloody Friday…“. Sven berichtigte mich, daß es doch eigentlich ein blutiger Sonntag sei, der da besungen wird. Ich stimmte ihm zu und erklärte kurz meine spontane Textänderung anhand des verrückten Tages der hinter mir lag. Daraufhin schaute er mich ungläubig an, als wollte ich ihm einen jungen Grizzly aufbinden und schüttelte den Kopf. Nun mußte ich schwerere Geschütze auffahren und zeigte ihm meine blutbespritzte Hose und das rotbraune Taschentuch. Sven zog die Augenbrauen hoch, blickte mich mitleidig an und sagte, er würde mich nicht um meine Erlebnisse beneiden. Mit dem Abstand von einigen Stunden dachte ich darüber schon ganz anders, ließ ihn aber in seinem Glauben und lachte nur still in mich hinein.

Ich zog mir gerade ein paar saubere Klamotten an, als die Tür aufflog und zwei Typen hereinschneiten. Sie begrüßten uns lautstark und waren an ihrem harten, schnellen Dialekt unschwer als Belfaster zu erkennen. Pat und John warfen ihre Reisetaschen in die Ecke, schwangen sich auf die Betten, verschränkten die Arme hinter dem Kopf und fragten, ob wir nicht Lust hätten, am Abend mit in irgendeinen Pub zu pilgern. Das war genau der Abschluß, der mir für den Tag vorschwebte und ich stimmte freudig zu. Sven mußte auch nicht lange überlegen, um zum selben Ergebnis zu gelangen.

Gerade waren wir alle etwas eingedöst, als wieder die Tür aufsprang und sich ein riesiger Rucksack gefolgt von einem nicht minder imposanten Cowboyhut hereinschob. Mit breitem Südstaatenakzent stellte er sich als Billy vor und belegte das Bett neben meinem. Nun waren wir komplett. Nach dieser erneuten Unterbrechung unseres gemeinschaftlichen Nickerchens konnte sowieso keiner mehr Ruhe finden und wir beschlossen loszuziehen, um etwas zwischen die Zähne zu kriegen. An Fastfoodketten herrscht bekanntlich auf den Inseln kein Mangel und so wurden wir bei Pizza – Hut fündig und stillten unseren Hunger.

Vom restlichen Abend weiß ich nur noch soviel, daß wir durch ungefähr fünf Pubs tingelten und schließlich in „The Harp“ endeten. Dort kam Pat auf die glorreiche Idee, jeder solle einen Witz aus seinem Land erzählen. Noch bevor die Reihe zum Schluß an mir war, kam ich nicht unerheblich ins Schwitzen und das aus wenigsten drei guten Gründen: Erstens hasse ich Witze erzählen (besonders die unter der Gürtellinie). Zweitens kann ich mich auf Englisch zwar ganz gut verständigen, aber einen Witz inklusive Pointe herüberzubringen ist etwas ganz anderes. Und drittens der wohl schwerwiegendste Punkt; mir fiel einfach keiner ein! Noch während Sven gerade dabei war, am zweiten Punkt zu scheitern, suchte ich fieberhaft nach einem Ausweg. Als dann acht Augenpaare erwartungsvoll auf mich gerichtet waren, erklärte ich mit größter Selbstverständlichkeit, daß es gar keine Witze über die Deutschen gebe, sondern daß alles was man sich kurioses über sie erzähle komplett der Wahrheit entspräche. Es folgte eine kurze Pause, dann wieherten John und Pat los und die anderen stimmten ein. So unberechenbar wie die Iren auch sein mögen, aber auf ihren ansteckenden Humor kann man sich jederzeit verlassen.

Gott sei Dank begegneten wir auf dem Rückweg keiner schwerbewaffneten Patrouille, denn wir waren gerade in der Stimmung, uns mit dem gesamten britischen Empire anlegen zu können. Trotz jeder Menge Stout und Lager in den Knien fanden wir den Weg zurück in die Betten der Herberge und falls jemand von uns schnarchte, so hat es in dieser Nacht keinen gestört.

Mit einem gehörigen „Guinnesskopf“ und dem unbändigen Drang meiner Blase Erleichterung zu verschaffen, blinzelte ich in das grelle Morgenlicht. Der neue Tag war schon mehr als neun Stunden alt und normalerweise war ich sonst seit geraumer Zeit auf den Beinen. Doch als ich mich im Zimmer vorsichtig umschaute, war zu erkennen, daß ich scheinbar immer noch zu den Frühaufstehern zählte. Die beiden Iren hatten es wohl aufgrund ihres „Tankens“ nicht mehr geschafft, sich ihrer Kleidung zu entledigen und schliefen in voller Montur auf der Bettdecke den Schlaf der Gerechten. Billy schnarchte was das Zeug hielt und Sven war außer mir der Einzige, der bereits unter den Lebenden weilte. Er versuchte offenbar mit nur mäßigem Erfolg durch eine Schläfenmassage den ärgsten Schmerz zu vertreiben. Mein euphorisches „Good morning!“ dämpfte er mit einer Grimasse und einer Handbewegung, die wohl zu verstehen geben sollte, daß ihm laute Geräusche äußerst unangenehm wären.

Da sich mein Zustand durch weiteres Herumliegen auch nicht bessern würde, stand ich auf und ging erst einmal unter die Dusche. Als ich zurückkam, hatte sich Sven ebenfalls aus dem Laken geschält und traf nun Vorbereitungen für seine „Menschwerdung“. Billy war wahrscheinlich durch sein eigenes Schnarchen erwacht und blickte ziemlich orientierungslos, als ob er weder wüßte wo noch wer er sei. Einzig von den beiden Iren gingen noch keinerlei Lebenszeichen aus. Pat hatte sich zu einer fötalen Stellung zusammengerollt und John sah aus, als wolle er jeden Augenblick aus dem Bett kippen. Ich kramte meine Siebensachen zusammen und stellte überrascht fest, daß sich sogar ein leichter Hunger einstellte. Auf dem Weg in die Gemeinschaftsküche leistete mir Sven Gesellschaft, obwohl er nur seinen unbändigen Durst stillen wollte. Ich war schon etwas mutiger und gönnte mir eine Tasse von diesem zunehmend süchtig machenden Instand – Mix, genehmigte mir einen Joghurt und krönte mein lukullisches Frühstück durch einen knochenharten Müsliriegel.

Bei dieser Gelegenheit vertraute mir „mein alter Schwede“ an, daß er seine Reise heute mit dem Fahrrad in Richtung Süden fortsetzen würde, um nach Galway zu gelangen. Ich hatte ähnliches vor, allerdings würde ich erst einmal einen Abstecher nach Donegal unternehmen. Aber auf der Insel ist es sogar sehr wahrscheinlich, daß man sich früher oder später wieder über den Weg läuft.

So war unser Abschied auch kein endgültiger und ich schwang mir wieder meinen Rucksack auf den Rücken und marschierte zur Busstation. Mir verblieb noch etwas Zeit, bis der Coach mit dem irischen Windhundlogo in Richtung Republik abfahren würde und so setzte ich mich auf dem Platz vor der First Trust Bank in die Herbstsonne. Gleich gegenüber hatte sich eine Dudelsackband in rotkarierten Schottenröcken, schwarzen Mützen mit roten Bommeln und schneeweißen Strümpfen aufgestellt und traf Vorbereitungen den immer zahlreicher werdenden Passanten ein Ständchen darzubringen.

Als sie begannen, die Bagpipes zu spielen, meldete sich bei mir einiges von dem gestrigen Guinness zurück, das wohl anstatt den Weg über Leber und Blase zu wählen, es vorgezogen hatte, sich in meiner Hirnrinde einzunisten. So zog ich mich etwas von dieser Geräuschquelle zurück und betrachtete die Szenerie aus größerer Distanz.

Zwischen dem bunten Pulk von mit Einkaufstüten bepackten Einheimischen, müßigen Touristen und herumtobenden Kindern, fiel mir ein Typ mit rosa Wollkappe auf, unter der er sein Glatzköpfigkeit zu verstecken trachtete. Er nutzte die Menschenansammlung, um handliche Bücher gegen eine Spende von £2 zu „verschenken“. Auch ich entging seiner Aufmerksamkeit nicht und zielstrebig steuerte er auf mich zu. Meine noch etwas gehemmte Motorik verhinderte, daß ich mich rechtzeitig verflüchtigen konnte. Mit strahlendem Lächeln stellte sich der drahtige Glatzkopf als Krishnajünger vor und präsentierte mir wortreich das Buch seines spirituellen Lehrers Swami Bhaktivedanta mit dem verheißungsvollen Titel: „THE PATH OF PERFECTION“. An diesem Morgen war ich weit davon entfernt, seinem inspirierten Redeschwall Paroli bieten zu können und ließ es über mich ergehen, solange bis es einfach zu viel wurde und ich ihm sagte er solle mir um Himmels Willen endlich eines dieser Bücher überlassen. Hocherfreut überreichte er mir ein Exemplar, nahm mit den besten Segenswünschen die £ 2 entgegen und wünschte mir recht viel Erleuchtung beim Lesen des Buches. Kaum hatte er bei mir seine Mission erfüllt, fixierte er in der Menge sein nächstes, potentielles „Opfer“ und entschwand aus meinem Blickfeld.

Ich drehte das Buch in den Händen und schlug die ersten Seiten auf. Dem Inhaltsverzeichnis nach verhieß es neben der bereits erwähnten Erleuchtung, auch Gesundheit, Harmonie, Entspannung und nicht zuletzt – Frieden. Frieden! Ja, dafür muß er hier noch `ne ganze Anzahl Bücher verteilen! Leider wird er unter den hier Versammelten kaum welche von denen treffen, die ihrer am meisten bedürfen.

Als ich nach einer knappen Woche das erste Mal vorsichtig unter das Pflaster schielte, war von der Verletzung in meinem Handballen kaum noch etwas zu erkennen; einzig ein rosiges Stück neue Haut kennzeichnete die Stelle, an der vor kurzem noch der Stacheldraht sein Werk getan hatte.

Die tiefen Wunden zwischen den verfeindeten Lagern im Norden der grünen Insel, werden wenn überhaupt, doch dann sicher nicht auf diese simple Art verschwinden.

© artaes, Markus Gruner